| Alles sah danach aus,
als hätte Mauss wieder mal einen Treffer gelandet, Gewissensbisse
etwa wegen der Lauschangriffe hat er nicht: „Das war alles mit der
Staatsanwaltschaft abgesprochen.“ Ohne die „logistische
Unterstützung“ der Behörden hatte er nicht so ermitteln können. Dües
Erinnerungen sind ganz anders. Mauss habe von Anfang an gedrängt,
die Sache mit der Versicherung müsse schnell erledigt werden, damit
sie sich um das geplante neue Geschäft kümmern könnten. Es sei die
Idee des Detektivs gewesen, Schmuck beim Hehler zu platzieren. Mauss
habe sogar gedrängt, Stücke nach Fotos nacharbeiten zu lassen, um
sie dann dem Hehler zuspielen zu können. Schließlich habe er aber
selbst, so behauptet Düe, „durch Zufall“ die vermeintlich
gestohlenen Stücke in seiner Werkstatt gefunden, wo sie angeblich
zur Reparatur waren. Noch heute spricht Düe den Namen Mauss nicht
aus. Er nennt ihn „Monsieur“. „Ich bekomme sonst“, sagt Düe, „einen
ekligen Geschmack im Mund.“ 870 Tage saß der Juwelier nach dem
ersten Urteil in Haft. Am 13. März 1989 erreichte der hannoversche
Rechtsanwalt Elmar Brehm in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem
Braunschweiger Landgericht dann aber ein sensationelles zweites
Urteil: Freispruch für Düe. Das Gericht glaubte dem Juwelier Der
angeblich gestohlene Schmuck, den Düe Mauss zukommen ließ, sei als
Beweis unerheblich, da Mauss sich die heiße Ware mit illegalen
Methoden beschafft habe.
„Wir haben damals“, sagt Brehm heute, „dem Rechtsstaat zum Sieg
verholfen.“ Brehm hatte aus politischer Überzeugung für Düe
gekämpft, ging es doch um einen Kampf gegen den Überwachungsstaat
und Ermittler, die über die Stränge schlagen. Dazu steht der Jurist
noch immer. Nur jetzt hat Brehm ein Problem, ebenso wie all jene,
die damals für Düe stritten und Mauss verdammten. Juristisch gesehen
ist Düe so unschuldig, wie einer nur sein kann. Er hat für das
angebliche Unrecht, das ihm widerfuhr, gar vom Land Niedersachsen
2,5 Millionen Mark erhalten. Aber dass der Schmuck jetzt in einem
ehemaligen Düe-Haus auftauchte, sieht nicht schön aus. „Dann wird
ungerechterweise Mauss rehabilitiert und die ganze eigentliche
Problematik von damals rückt in den Hintergrund“, befürchtet Brehm -
wohl zu Recht.
Denn es könnte sein, dass Mauss, der vermeintliche Bösewicht,
sehr wohl den richtigen Riecher gehabt hat.
Wieder einmal: Handwerker fanden den sorgfältig verpackten Schmuck
in der Decke eines kleinen Juwelierladens zwischen der Kneipe
„Kalauer“ und dem „Teestübchen“ am Ballhof in Hannover. Das Geschäft
hatte Juwelier Horst Ackermann 1985 von seinem Chef übernommen - von
Renés Vater Friedrich Düe, der 1990 starb, und bis vor kurzem
geführt. Jetzt wird das von Wein bewachsene idyllische Haus gerade
von den neuen Besitzern umgebaut. Wände werden eingerissen und neu
verputzt, der Fußboden wird restauriert.
Gleich nach dem Fund baten die jungen Juweliere Ackermann den
Hildesheimer Rechtsanwalt Martin Fett um Hilfe. Ihnen war sofort
klar, dass der Schatz aus dem Fall Düe stammen musste, und sie
befürchteten einen schlechten Neustart für ihr Geschäft.
Die elf Pakete waren sorgfältig mit braunem Paketband umwickelt.
Anwalt Fett öffnete eines davon, er zählte
163 Ringe und sah daran die Preisschilder mit dem Aufdruck „Juwelier
Düe“. Der Jurist brachte die Pakete zur nächsten Polizeiwache. Der
junge Beamte am Tresen konnte zunächst mit dem Millionenfund nichts
anfangen, aber ein älterer Kollege erinnerte sich. Jetzt liegt der
Schmuck beim Landeskriminalamt. |
Strafrechtlich hat der
Juwelier kaum etwas zu befürchten. Düe ist, das weiß auch Thomas
Klinge von der Staatsanwaltschaft Hannover, mit einem
rechtskräftigen Urteil von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Er
kann nicht einmal mehr als Verdächtiger bezeichnet werden. „Wir
ermitteln nicht gegen Herrn Düe, sondern gegen unbekannt wegen
Raubes“, sagt Klinge. Das ist die einzige Möglichkeit, den Fall
überhaupt noch zu bearbeiten. Und so werden Zeugen vernommen und
die Fundstücke auf Fingerabdrücke untersucht. Sehr sorgfältig, mit
Gummihandschuhen und Pinzetten, zogen
Spezialisten des Landeskriminalamtes die Klebestreifen von den elf
Versandschatullen, in denen der gefundene
Schmuck verpackt war.
Sie hoffen, dass der Täter Haare oder Hautpartikel auf dem
Klebeband hinterlassen hat, die eine DNA-Analyse für den genetischen
Fingerabdruck ermöglichen können. Sollte sich ein Raub dennoch nicht
nachweisen lassen, wird die Staatsanwaltschaft wohl verlauten lassen
müssen, dass sich neue Hinweise nicht ergeben hätten.
Dabei gibt es noch eine Spur in die Türkei, nach Istanbul. Dort
wurde 1992 der damals 34-jährige Aydin Y. wegen Mordes zu 17 Jahren
Freiheitsstrafe verurteilt. Der Türke hatte seinen Freund Nevzat A.,
mit dem er einige Jahre in Hannover verbracht hatte, bestialisch
ermordet. Er hatte sein Opfer in einem Hotelzimmer erdrosselt und
ihm anschließend mit grobem Zwirn den Mund zugenäht. Eine beliebte
Mafia-Strafe für Leute, die zu viel reden.
Zu Beginn des Prozesses sagte Aydin Y. aus, dass René Düe ihn mit
dem Mord an seinem Kompagnon beauftragt hätte, um den Kumpel zum
Schweigen zu bringen. Denn, so berichtet die Tageszeitung „Hürriyet“,
der Juwelier habe sie für den Raubüberfall auf sein Geschäft
gedungen. Doch Düe habe dann nicht gezahlt, und da habe sein Kumpan
den Mann aus Hannover hochgehen lassen wollen. Für den Mord sollte
er 225.000 Mark bekommen.
Der Anwalt der Familie des Ermordeten, Aydin Coşar, erklärte, die
deutschen Behörden hatten die Spur nicht
verfolgen wollen, und für eine Anklage in Istanbul seien die Beweise
zu dünn gewesen. Außerdem hatte der
Mörder im Verlauf seines Prozesses jenen Teil der Aussage wieder
zurückgenommen, der Düe belastete.
Juwelier Düe, der in wenigen Wochen im noblen Keitum auf Sylt
unter dem Namen Dué mit Hilfe finanzstarker Freunde ein neues
Schmuckatelier eröffnen will, bleibt aber bei seiner Version der
Geschichte, Alles üble Verleumdungen, das Spinnennetz von
„Monsieur“. „ Ich habe erst am Freitag nach dem Auftauchen des
Schmucks davon erfahren und war überglücklich, dass der Fall nun
endlich aufgeklärt und meine Unschuld bewiesen werden kann“, sagte
Düe.
Doch schon kurz darauf habe ihn wieder das alte Misstrauen
überfallen, seien alte Ängste erwacht klagt er. Steckt hinter dem
Fund wieder das System von „Monsieur“? Eine neue Intrige? Oder, ein
unglaublicher
Verdacht, könnte gar sein alter Vater etwas mit dem Überfall auf ihn
zu tun gehabt haben?
Aber das ist wohl wirklich ein unglaublicher Verdacht.
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