Pressedokumentation von Werner Mauss

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Der Spiegel
Aus: Der Spiegel, 26. Juni 2000, Nr. 26/2000, S. 71, 72 und 73

Im Netz von Monsieur

Alles sah danach aus, als hätte Mauss wieder mal einen Treffer gelandet, Gewissensbisse etwa wegen der Lauschangriffe hat er nicht: „Das war alles mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen.“ Ohne die „logistische Unterstützung“ der Behörden hatte er nicht so ermitteln können. Dües Erinnerungen sind ganz anders. Mauss habe von Anfang an gedrängt, die Sache mit der Versicherung müsse schnell erledigt werden, damit sie sich um das geplante neue Geschäft kümmern könnten. Es sei die Idee des Detektivs gewesen, Schmuck beim Hehler zu platzieren. Mauss habe sogar gedrängt, Stücke nach Fotos nacharbeiten zu lassen, um sie dann dem Hehler zuspielen zu können. Schließlich habe er aber selbst, so behauptet Düe, „durch Zufall“ die vermeintlich gestohlenen Stücke in seiner Werkstatt gefunden, wo sie angeblich zur Reparatur waren.

Noch heute spricht Düe den Namen Mauss nicht aus. Er nennt ihn „Monsieur“. „Ich bekomme sonst“, sagt Düe, „einen ekligen Geschmack im Mund.“ 870 Tage saß der Juwelier nach dem ersten Urteil in Haft. Am 13. März 1989 erreichte der hannoversche Rechtsanwalt Elmar Brehm in einem Wiederaufnahmeverfahren vor dem Braunschweiger Landgericht dann aber ein sensationelles zweites Urteil: Freispruch für Düe. Das Gericht glaubte dem Juwelier Der angeblich gestohlene Schmuck, den Düe Mauss zukommen ließ, sei als Beweis unerheblich, da Mauss sich die heiße Ware mit illegalen Methoden beschafft habe.

„Wir haben damals“, sagt Brehm heute, „dem Rechtsstaat zum Sieg verholfen.“ Brehm hatte aus politischer Überzeugung für Düe gekämpft, ging es doch um einen Kampf gegen den Überwachungsstaat und Ermittler, die über die Stränge schlagen. Dazu steht der Jurist noch immer. Nur jetzt hat Brehm ein Problem, ebenso wie all jene, die damals für Düe stritten und Mauss verdammten. Juristisch gesehen ist Düe so unschuldig, wie einer nur sein kann. Er hat für das angebliche Unrecht, das ihm widerfuhr, gar vom Land Niedersachsen 2,5 Millionen Mark erhalten. Aber dass der Schmuck jetzt in einem ehemaligen Düe-Haus auftauchte, sieht nicht schön aus. „Dann wird ungerechterweise Mauss rehabilitiert und die ganze eigentliche Problematik von damals rückt in den Hintergrund“, befürchtet Brehm - wohl zu Recht.

Denn es könnte sein, dass Mauss, der vermeintliche Bösewicht, sehr wohl den richtigen Riecher gehabt hat.
Wieder einmal: Handwerker fanden den sorgfältig verpackten Schmuck in der Decke eines kleinen Juwelierladens zwischen der Kneipe „Kalauer“ und dem „Teestübchen“ am Ballhof in Hannover. Das Geschäft hatte Juwelier Horst Ackermann 1985 von seinem Chef übernommen - von Renés Vater Friedrich Düe, der 1990 starb, und bis vor kurzem geführt. Jetzt wird das von Wein bewachsene idyllische Haus gerade von den neuen Besitzern umgebaut. Wände werden eingerissen und neu verputzt, der Fußboden wird restauriert.

Gleich nach dem Fund baten die jungen Juweliere Ackermann den Hildesheimer Rechtsanwalt Martin Fett um Hilfe. Ihnen war sofort klar, dass der Schatz aus dem Fall Düe stammen musste, und sie befürchteten einen schlechten Neustart für ihr Geschäft.

Die elf Pakete waren sorgfältig mit braunem Paketband umwickelt. Anwalt Fett öffnete eines davon, er zählte 163 Ringe und sah daran die Preisschilder mit dem Aufdruck „Juwelier Düe“. Der Jurist brachte die Pakete zur nächsten Polizeiwache. Der junge Beamte am Tresen konnte zunächst mit dem Millionenfund nichts anfangen, aber ein älterer Kollege erinnerte sich. Jetzt liegt der Schmuck beim Landeskriminalamt.

Strafrechtlich hat der Juwelier kaum etwas zu befürchten. Düe ist, das weiß auch Thomas Klinge von der Staatsanwaltschaft Hannover, mit einem rechtskräftigen Urteil von allen Vorwürfen freigesprochen worden. Er kann nicht einmal mehr als Verdächtiger bezeichnet werden. „Wir ermitteln nicht gegen Herrn Düe, sondern gegen unbekannt wegen Raubes“, sagt Klinge.

Das ist die einzige Möglichkeit, den Fall überhaupt noch zu bearbeiten. Und so werden Zeugen vernommen und die Fundstücke auf Fingerabdrücke untersucht. Sehr sorgfältig, mit Gummihandschuhen und Pinzetten, zogen Spezialisten des Landeskriminalamtes die Klebestreifen von den elf Versandschatullen, in denen der gefundene Schmuck verpackt war.

Sie hoffen, dass der Täter Haare oder Hautpartikel auf dem Klebeband hinterlassen hat, die eine DNA-Analyse für den genetischen Fingerabdruck ermöglichen können. Sollte sich ein Raub dennoch nicht nachweisen lassen, wird die Staatsanwaltschaft wohl verlauten lassen müssen, dass sich neue Hinweise nicht ergeben hätten.

Dabei gibt es noch eine Spur in die Türkei, nach Istanbul. Dort wurde 1992 der damals 34-jährige Aydin Y. wegen Mordes zu 17 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Türke hatte seinen Freund Nevzat A., mit dem er einige Jahre in Hannover verbracht hatte, bestialisch ermordet. Er hatte sein Opfer in einem Hotelzimmer erdrosselt und ihm anschließend mit grobem Zwirn den Mund zugenäht. Eine beliebte Mafia-Strafe für Leute, die zu viel reden.

Zu Beginn des Prozesses sagte Aydin Y. aus, dass René Düe ihn mit dem Mord an seinem Kompagnon beauftragt hätte, um den Kumpel zum Schweigen zu bringen. Denn, so berichtet die Tageszeitung „Hürriyet“, der Juwelier habe sie für den Raubüberfall auf sein Geschäft gedungen. Doch Düe habe dann nicht gezahlt, und da habe sein Kumpan den Mann aus Hannover hochgehen lassen wollen. Für den Mord sollte er 225.000 Mark bekommen.

Der Anwalt der Familie des Ermordeten, Aydin Coşar, erklärte, die deutschen Behörden hatten die Spur nicht verfolgen wollen, und für eine Anklage in Istanbul seien die Beweise zu dünn gewesen. Außerdem hatte der Mörder im Verlauf seines Prozesses jenen Teil der Aussage wieder zurückgenommen, der Düe belastete.

Juwelier Düe, der in wenigen Wochen im noblen Keitum auf Sylt unter dem Namen Dué mit Hilfe finanzstarker Freunde ein neues Schmuckatelier eröffnen will, bleibt aber bei seiner Version der Geschichte, Alles üble Verleumdungen, das Spinnennetz von „Monsieur“. „ Ich habe erst am Freitag nach dem Auftauchen des Schmucks davon erfahren und war überglücklich, dass der Fall nun endlich aufgeklärt und meine Unschuld bewiesen werden kann“, sagte Düe.

Doch schon kurz darauf habe ihn wieder das alte Misstrauen überfallen, seien alte Ängste erwacht klagt er. Steckt hinter dem Fund wieder das System von „Monsieur“? Eine neue Intrige? Oder, ein unglaublicher
Verdacht, könnte gar sein alter Vater etwas mit dem Überfall auf ihn zu tun gehabt haben?

Aber das ist wohl wirklich ein unglaublicher Verdacht.


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